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Künstler

Magdalena Abakanowicz

*1930 in Raszyn-Falenty/Polen, lebt in Warschau

Schreitende, Stahl, 10 Figuren (2 m) auf einer Fläche von 200 x 308 x 780 cm, 2004

 

Der Schlaf der Vernunft

Mit der Installation Schreitende mahnt Magdalena Abakanowicz politische Wachsamkeit an. 1968 erlebte die polnische Künstlerin den Prager Frühling und den Einmarsch der russischen Armee. Der Anblick einer großen Anzahl schlafender Russischer Soldaten im Prager Bahnhof wurde für die damals 38-jährige zu einem prägenden Erlebnis: In erdfarbene und zerschlissene Uniformen gekleidet, glichen die bewegungslosen Leiber der Soldaten sackartigen Körperhüllen ohne Gesicht. Diese gesichtslose Masse, politisch manipuliert und ohne Verstand, kopflos und hohl als Teil einer willenlosen Natur ist für sie zum Thema künstlerischer Auseinandersetzung geworden.


„Ich war besessen vom Bild der Menge, manipuliert und handelnd wie ein gehirnloses Wesen“, beschreibt Abakanowicz das Erlebnis, das für sie ein bleibendes Symbol der Angst ist.

In den 1970er Jahren beginnt die spätere Kunstprofessorin und international renommierte Künstlerin, diese Erfahrungsbilder künstlerisch zu verarbeiten. Sie formt den menschlichen Körper in grobem Sackleinen ab und lässt die Gipsformen in Bronze oder Eisen gießen. Tausende solcher Figuren sind auf diese Weise entstanden. Zu Gruppen von 30, 50 oder 80 Skulpturen stehen sie in Museen und Sammlungen in der ganzen Welt. Kämen die Schreitenden alle zusammen, würden sie einen riesigen Platz füllen.

Horst Antes

*1936 in Heppenheim, lebt in Karlsruhe

Figur 1000, Stahl, 220 x 70 x 90 cm, 1997

 

Ist das schon Kopf – oder ist das noch Fuß?

Horst Antes gilt als Begründer der neuen figurativen Malerei in Deutschland. Mit der Figur des Kopffüßlers etablierte er sich zu Beginn der 1960er Jahre in der  internationalen Kunstszene. Die flächige Kunstfigur wurde sein Markenzeichen, das er vielfach in unterschiedlichen Techniken von Grafik über Malerei zur Skulptur variiert hat. Sie besitzt keinen Hals, wenig Brust und Bauch, Kopf und Füße scheinen in eins überzugehen.

Der menschliche Körper ist gerade noch identifizierbar. Wie eine frei erfundene Hieroglyphe tritt der Kopffüßler dem Besucher entgegen, und verbirgt sich gleichzeitig. Die Figur 1000 im Gerisch-Park wirkt so leicht, als ob sie über den Teich wandeln könnte und ihre reliefartige Existenz verwandelt die sie umgebene Landschaft in ein Bild. Es ist dieser Kunstfigur zu eigen, dass sie immer wieder auf sich selbst verweist und damit ein  autonomes System bildet: Ist das noch Kopf oder schon Körper? Ist das noch Bein oder schon Fuß? Ist das noch Skulptur oder schon Bild? Der mythische Aspekt der Daseinsverbundenheit spielt für Antes eine besondere Rolle, aber auch die Auseinandersetzung mit den Katchina-Puppen der HopiIndianer Nordamerikas.

 

Der Künstler sagt selbst dazu: "Die Figuren sind immer auch heitere Kunstfiguren. Man sollte in ihnen nicht stur dämonische Wesen oder Ausgeburten der Hölle oder was weiß ich alles sehen."

Heinz Breloh

*1940 in Hilden, gestorben 2001 in Köln

Lebensgröße Dresden, Bronze, 210 x 220 x 140 cm, 1983; Dauerleihgabe von Krimhild Becker

 

Skulptur als Körperspur

Heinz Brelohs Werk, das 2008 in einer umfassenden Ausstellung der Gerisch-Stiftung vorgestellt wurde, kann in seinem Streben nach Unmittelbarkeit als viel zu wenig beachteter Orientierungspunkt heutigen skulpturalen Arbeitens gelesen werden. Wie kein zweiter Bildhauer versteht Breloh Skulptur als Körperspur und schafft damit in den 1980er Jahren ein neues Paradigma der Plastik: „Die Lebensgrößen sind ein neuer Schritt – man darf, man muss wohl sagen – in der Geschichte der Skulptur.“ (Manfred Schneckenburger) Breloh umschreitet, ja umtanzt in festgelegter Choreografie die weiche Gipsmasse, wirft sich mit ganzem Körper dagegen, umfängt den Klotz mit den Armen durchstößt ihn mit Knien und Beinen, fährt mit dem Kopf hin und her, bis es hart und widerständig geworden ist und die Körperform als Negativform festhält. Der Schaffensprozess selbst, die Spur des eigenen Körpers, wird zum Monument. Breloh löst die für seine Generation wichtige Frage nach der Abbildhaftigkeit von Skulptur: Ohne konkrete Abbildfunktion, aber dennoch in direkter Verbindung zum Abbild gebenden Körper, der „Lebensgröße“. Brelohs bevorzugte Materialien sind Gips und Ton. Beide sind hervorragend geeignet, um die Unmittelbarkeit der taktilen Leidenschaft beim Formen festzuhalten. An dem Bronzeguss (Abguss einer Gipsfigur) Lebensgröße Dresden ist diese Unmittelbarkeit seines formenden Körpereinsatzes von Knien, Bauch und Kopf direkt ablesbar.

Abraham David Christian

*1952, lebt in Düsseldorf, New York und Hayama

Interconnected Sculpture, Bronze, 110 x 115 x 200 cm, 2003

 

Anfang und Ende

"Meine Kunst beginnt dort, wo die Möglichkeit der verbalen Äußerung endet: Hinter der Sprache", beschreibt Abraham David Christian seinen künstlerischen Anspruch selbst. Sein Interesse gilt den korrespondierenden Strukturen des Denkens unterschiedlicher Kulturen. Während seiner Exkursionen nach Asien, Afrika und Amerika setzt Christian sich mit den Traditionen vergangener und gegenwärtiger Kulturen auseinander.

Er sieht das Leben selbst als Reise, die Reise als Form der Meditation und Selbsterkenntnis. So wie Abraham David Christian die Gemeinsamkeiten in der Formgebung unterschiedlicher Kulturen entdeckt, mag sich auch der Besucher individuell auf die Suche nach visuellen, emotionalen oder philosophischen Analogien machen.

Die helixförmige Skulptur Interconnected Sculpture symbolisiert die schlüssige Verbindung, das Zueinander-in-Beziehung-Stehen, die Korrespondenz. In vielen Kulturen ist sie ein Zeichen für das natürliche Wachstum und die Lebenskraft. In der Verbindung von Anfang und Ende verweisen die gewundenen Strukturen der Helix auf den ewigen Kreislauf des Lebens, die unendliche Wiederkehr des Seins. Abraham David Christian hat eine zeitlang mit dem japanischen Künstler Katsuhito Nishikawa zusammengearbeitet, der im Gerisch-Park mit der Skulptur Schwimmendes Kleeblatt vertreten ist.

Chiara Dynys

 

*1958 in Mantua, lebt in Mailand
Cedar Forest, 250 x 220 x 20 cm, Keramik glasiert, 2012
Würdevoller Kunstbaum
Ein für mitteleuropäische Gefilde untypischer Baum wächst im Park der Gerisch-Stiftung. Nicht nur weil er als Kunstprodukt aus glasierter Keramik unter den vielen natürlichen Bäumen sofort auffällt. Seine Gestalt verweist zudem auf einen wirklichen Baum in südlichen Gefilden. Auf einen Baum, der die Fahne des Libanon prägt: die Zeder.
Darüber hinaus verfügt die Zeder über eine weitere, eine „heilige" Herkunft. Sie ist auf der „Landkarte" der antik-mythologischen und biblischen Erzählungen verzeichnet, die sie preisen und in Ehren halten. Zahlreiche Texte loben ihren Wuchs, ihre Langlebigkeit, ihre Schönheit und ihre Würde. Kirchenvater Origines rühmt ihre Unbestechlichkeit. Dass ihr Bestand heute in vielen Ländern bedroht ist, ist mit ein Grund für die Künstlerin, auch im Norden an diesen symbolträchtigen Baum zu erinnern. Mit der Zeder hat aber auch ein Symbol für Frieden sowie für das moralisch und ethisch integre Individuum seine Wurzeln im Skulpturenpark geschlagen.

 

*1958 in Mantua, lebt in Mailand, Cedar Forest, 250 x 220 x 20 cm, Keramik glasiert, 2012

 

Würdevoller Kunstbaum

 


Ein für mitteleuropäische Gefilde untypischer Baum wächst im Park der Gerisch-Stiftung. Nicht nur weil er als Kunstprodukt aus glasierter Keramik unter den vielen natürlichen Bäumen sofort auffällt. Seine Gestalt verweist zudem auf einen wirklichen Baum in südlichen Gefilden. Auf einen Baum, der die Fahne des Libanon prägt: die Zeder.


Darüber hinaus verfügt die Zeder über eine weitere, eine „heilige" Herkunft. Sie ist auf der „Landkarte" der antik-mythologischen und biblischen Erzählungen verzeichnet, die sie preisen und in Ehren halten. Zahlreiche Texte loben ihren Wuchs, ihre Langlebigkeit, ihre Schönheit und ihre Würde. Kirchenvater Origines rühmt ihre Unbestechlichkeit. Dass ihr Bestand heute in vielen Ländern bedroht ist, ist mit ein Grund für die Künstlerin, auch im Norden an diesen symbolträchtigen Baum zu erinnern. Mit der Zeder hat aber auch ein Symbol für Frieden sowie für das moralisch und ethisch integre Individuum seine Wurzeln im Skulpturenpark geschlagen.

Bogomir Ecker

*1959 in Maribor, lebt in Düsseldorf

Swop, 5 Baumskulpturen in variierenden Größen, Aluminium bemalt, 2007

 

Geisterwesen zwischen Rinde und Fiktion

Bogomir Ecker ist mit kontextbezogenen Skulpturen und Installationen im öffentlichen Raum bekannt geworden. Viele seiner Objekte kreisen um die Themen Technik und Kommunikation, oft ironisch und spielerisch. Ohne jedes Pathos scheinen sie magisch aufgeladen zu sein und führen wie Relikte einer fremden Kultur ein wundersames Eigenleben.


Für Swop, seine biomorphen Gebilde im Gerisch-Park, gibt es keine wortwörtliche Übersetzung. Das englische „swap“ (dt.: tauschen, austauschen) hilft nicht wirklich weiter, verortet die durchlöcherten, tiefroten Inselformationen aber im Bereich von Transformation und Kommunikation.

 

Doch wer tauscht hier was mit wem? Auch die Funktionen dieser naturhaft ausufernden Wucherungen sind nicht festgeschrieben. Wird das tiefe Rot Vögel anziehen und sie zum Nisten verlocken? Sind die Transformatoren vielleicht gar getarnte Lausch-einrichtungen? Sind es farbig markierte Baumausstülpungen oder Borkenkäferzählmaschinen? Gibt es gutwillige Spione? Beruhigung und Drohung, beides kann mit den Skulpturen gemeint sein. Gefahr lauert überall, denn Geisterwesen zwischen Rinde und Fiktion haben ihre subversive Arbeit im Gerisch-Park aufgenommen.

Ian Hamilton Finlay

*1925 in Nassau †2006 in Edinburgh

Philemon und Baucis, Sandstein, 2 Tafeln, je 30 x 60 x 12 cm, 1984

 

Manche Gärten sind Attacken

Ian Hamilton Finlay gilt als Künstler, verstand sich selbst aber als Dichter. Sein künstlerisches Werk bewegt sich im Spannungsfeld zwischen verschiedenen bildnerischen Gattungen, Konkreter Poesie und politischer Agitation. Der Landschaftsgarten Little Sparta in Pentland Hills ist sein Lebenswerk und seine Autobiografie: ein nördliches Arkadien, das ihm als Basis für künstlerische Angriffe auf die Missstände der Gegenwart diente. „Manche Gärten sieht man als Zufluchtsorte, obwohl sie in Wirklichkeit Attacken sind“, hat Finlay einmal notiert. Sparta war keine friedliche Stadt, und Little Sparta kein friedlicher Garten. Hinter den Denkmälern, in Stein gemeißelten Zitaten, Aphorismen und Gedankenfetzen verbirgt sich eine bitterböse und sarkastische, gelegentlich aber auch spielerisch-humorvolle Kampfansage gegen die Banalität der Welt, gegen Krieg und Kommerz.

Die beiden Gedenktafeln Philemon und Baucis im Gerisch-Park verweisen auf das arme, aber gastfreundliche Paar Philemon und Baucis, das den Göttern Nachtquartier gewährte. Zum Dank dafür erhielten sie einen Tempel und wurden nach dem Tod in zwei nebeneinander stehende Bäume verwandelt. Finlay beklagte stets die  Pietätlosigkeit seiner Zeitgenossen. Das antike Paar fand vor seinen strengen  Maßstäben Gnade und wird hier zum Symbol einer idealen, arkadischen  Gesellschaftsform, in der Besitz und Reichtum keine Rolle spielen.

Thorsten Goldberg

* 1960 in Dinslaken, lebt in Berlin

Cumulus 11.08, Kunststoff, Edelstahl, Metall, Wolke: 300 x 200 x 200 cm, Winkel: 580 cm hoch, 450 cm lang, 2012

 

Projektionsform und Sehnsuchtsbild

Cumulus 11.08 schwebt über dem Privathaus des Stifterpaares Herbert und Brigitte Gerisch, einem Bungalowbau aus den 1960er Jahren, der zur Straße hin durch eine hohe Betonmauer und ein Metalltor abgegrenzt ist und somit vom Straßenraum aus nicht einsehbar ist. Der Horizontalen der Betonmauer wird die Vertikale des Wolkenbügels hinzugefügt, so dass ähnlich einem Koordinatensystem ein weiterer Raum aufgespannt wird. Die Wolke ist der einzige Hinweis auf das sich dahinter befindliche Haus und verweist wie ein Markierungspfeil einer Landkarte auf das Haus und die Gerisch-Stiftung.
Mit der Cumulus-Wolke, auch als Haufen- oder Quellwolke bezeichnet, hat Goldberg eine gemeinhin als besonders schön geltende Wolkenform konserviert: es ist die klassische Bilderbuchwolke (Schäfchenwolke), die eine flache Unterseite und strahlend weiße, runde Ausformungen auf der Oberseite auszeichnet. Die Geschlossenheit der Form der Skulptur wird durch die hochglänzend weiße Oberfläche unterstrichen: Cumulus 11.08 grenzt sich in ihrer Stilisierung von dem natürlichen Vorbild ab. Der reale Himmel hat diese synthetische Wolke als künstliches Versatzstück erhalten. Der Zusatz des Titels „11.08“ verweist auf eine Wolkenformation, die im August 2011 fotografiert wurde: Die Konservierung eines flüchtigen, in Bewegung befindlichen Momentes wurde in die Überzeitlichkeit überführt. Obgleich Wolken „ziehen“ und man ihnen gedankenverloren nachschaut, wird die natürliche Bewegung der Wolken negiert. Die Wolke im Gerisch-Skulpturenpark kreist wie von einem Band gehalten um den Mast. Im Gegensatz zu natürlichen Wolken ist das Pendant greifbar und fassbar.

Cumulus 11.08 schwebt über dem Privathaus des Stifterpaares Herbert und Brigitte Gerisch, einem Bungalowbau aus den 1960er Jahren, der zur Straße hin durch eine hohe Betonmauer und ein Metalltor abgegrenzt ist und somit vom Straßenraum aus nicht einsehbar ist. Der Horizontalen der Betonmauer wird die Vertikale des Wolkenbügels hinzugefügt, so dass ähnlich einem Koordinatensystem ein weiterer Raum aufgespannt wird. Die Wolke ist der einzige Hinweis auf das sich dahinter befindliche Haus und verweist wie ein Markierungspfeil einer Landkarte auf das Haus und die Gerisch-Stiftung. Mit der Cumulus-Wolke, auch als Haufen- oder Quellwolke bezeichnet, hat Goldberg eine gemeinhin als besonders schön geltende Wolkenform konserviert: es ist die klassische Bilderbuchwolke (Schäfchenwolke), die eine flache Unterseite und strahlend weiße, runde Ausformungen auf der Oberseite auszeichnet. Die Geschlossenheit der Form der Skulptur wird durch die hochglänzend weiße Oberfläche unterstrichen: Cumulus 11.08 grenzt sich in ihrer Stilisierung von dem natürlichen Vorbild ab. Der reale Himmel hat diese synthetische Wolke als künstliches Versatzstück erhalten. Der Zusatz des Titels „11.08“ verweist auf eine Wolkenformation, die im August 2011 fotografiert wurde: Die Konservierung eines flüchtigen, in Bewegung befindlichen Momentes wurde in die Überzeitlichkeit überführt. Obgleich Wolken „ziehen“ und man ihnen gedankenverloren nachschaut, wird die natürliche Bewegung der Wolken negiert. Die Wolke im Gerisch-Skulpturenpark kreist wie von einem Band gehalten um den Mast. Im Gegensatz zu natürlichen Wolken ist das Pendant greifbar und fassbar.

Carsten Höller

* 1961 in Brüssel, lebt in Stockholm

Giant-Triple-Mushroom, 350 cm hoch, Styropor, Polyesterfarbe, Polyesterharz, Acrylfarbe, Drahtkern, Spachtelmasse, Hartschaumstoff, Stahl, 2011

 

Der Riese im Märchenwald

Der monumentale Giant-Triple-Mushroom (zusammengesetzt aus einem halben Fliegenpilz sowie je einem Viertel Speisemorchel und Violetter Rötelritterling) steht als jüngste Errungenschaft des Sammlungsbestands der Gerisch-Stiftung im – von dem Reformgärtner Harry Maasz 1924 so getauften – "Märchenwald". Der Fliegenpilz ist wie kein anderer Pilz in der mitteleuropäischen Märchenwelt verwurzelt: farbig lockend, doch giftig; Verkörperung von Gefahr und zugleich Möglichkeit zu bewusstseinserweiternden Zuständen. Der sagenumwobene, vermutlich aus Fliegenpilzen gewonnenen Trank Soma spielt bisher in Carsten Höllers Ausstellungen immer wieder eine tragende Rolle.

Res Ingold

* 1954 in Burgdorf/Schweiz, lebt in Köln und München

Heliport Gerisch-Park Neumünster, Bauschild für einen Heliport Gerisch-Park Neumünster, 250 x 250 cm, 2007

 

Anschluss an die „Ingold Airlines"

Die 1982 von dem Schweizer Künstler Res Ingold gegründete Fluglinie "Ingold Airlines" existiert als Unternehmensidee im virtuellen Raum. Sie wird wie eine wirkliche Fluggesellschaft mit konkreten Aktionen beworben und kommuniziert. Das fiktive Unternehmen orientiert sich an der Konkurrenz: Dienstleistungsangebote wie Fluggastbegleitung, VIP-Service, Mitgliederclub oder Shuttle-Service werden in einer täuschend echten Corporate Identity vermarktet, die in Galerien, Museen, bei Aktionen und auf Messen präsentiert wird. Dort sind jedoch nicht Passagiere, sondern Ideen das wichtigste Umschlagsgut. Die Frage nach dem Realitätsgrad und der Zugehörigkeit von "Ingold Airlines" zur Kunst- oder Wirtschaftswelt ist nicht eindeutig zu beantworten: Wirklichkeit entpuppt sich als potentiell simuliert, und Simuliertes wirkt auf Reales zurück. Der Traum vom Fliegen wird zum Bild für das Abheben aus dem Alltag, für den Weg nach Arkadien.

Thomas Judisch

 

* 1981, lebt und arbeitet in Berlin und Kiel "It’s a long way to heaven", GFK (Glasfaserverstärkter Kunststoff), lackierter Quarzsand, Sand, 2014 
Eine "fabelhafte" Skulptur
In Form einer Endlosschleife, dem sogenannten Möbius-Band, reihen sich 22 Erdhaufen auf der Wiese nahe der Villa Wachholtz hintereinander. Wir haben es gleichsam mit einem skulpturalen Lob zu tun, der weder Anfang noch Ende erkennen lässt. Erkennbar allein sind die einzelnen Haufen als offensichtliche Anspielungen auf Maulwurfshügel. Eine weitere Anspielung drückt zudem der Titel der Arbeit aus: "It’s a long way to heaven." Vielleicht gilt dieser "lange Weg" für den Maulwurf, im Besonderen aber doch für den Menschen, den hier wie in einer Fabel ein Tier vertritt. Mag sich der Mensch mühen wie er will, mehr als einen Haufen Erde gelingt ihm nicht aufzuwerfen bei seinem unermüdlichen Drang höher, weiter und schneller voranzukommen. Auch wenn die Skulptur wenig in die Höhe, umso mehr in die Horizontale geht, erinnert sie mit humorvollem Unterton doch an das Urbild menschlichen Scheitern bei seinen vertikalen Vorstößen: dem Turmbau zu Babel."It’s a long way to heaven" ist eine Erweiterung von Thomas Judischs Skulptur "I'm no man, I'm a Mole", die sich aus nur einem Kreis aus zwölf Erdhaufen zusammensetzt. Judisch hat in Kiel und Dresden an den Kunsthochschulen studiert und zeichnet sich durch eine besonders feinsinnige, durch Witz und Charme charakterisierte Kunst aus.

* 1981, lebt und arbeitet in Berlin und Kiel

"It’s a long way to heaven", GFK (Glasfaserverstärkter Kunststoff), lackierter Quarzsand, Sand, 2014 

 

Eine "fabelhafte" Skulptur

 

In Form einer Endlosschleife, dem sogenannten Möbius-Band, reihen sich 22 Erdhaufen auf der Wiese nahe der Villa Wachholtz hintereinander. Wir haben es gleichsam mit einem skulpturalen Loop zu tun, der weder Anfang noch Ende erkennen lässt. Erkennbar allein sind die einzelnen Haufen als offensichtliche Anspielungen auf Maulwurfshügel. Eine weitere Anspielung drückt zudem der Titel der Arbeit aus: "It’s a long way to heaven." Vielleicht gilt dieser "lange Weg" für den Maulwurf, naheliegender aber für den Menschen, hier wie in einer Fabel durch ein Tier vertreten. Mag sich der Mensch auch mühen wie er will: mehr als einen Haufen Erde gelingt ihm nicht aufzuwerfen bei seinem unermüdlichen Drang höher, weiter und schneller voranzukommen.

 

Auch wenn die Skulptur wenig in die Höhe, umso mehr in die Horizontale geht, erinnert sie mit humorvollem Unterton doch an das Urbild menschlichen Scheiterns bei seinen vertikalen Vorstößen: dem Turmbau zu Babel. „It’s a long way to heaven" ist eine Erweiterung von Thomas Judischs Skulptur „I'm no man, I'm a Mole", die sich aus nur einem Kreis mit zwölf Erdhaufen zusammensetzt.

 

Thomas Judisch hat in Kiel und Dresden an den Kunsthochschulen studiert und zeichnet sich durch eine besonders feinsinnige, durch Witz und Charme charakterisierte Kunst aus.

Menashe Kadishman

*1932 in Tel Aviv, gestorben 2015 in Tel Aviv

Kissing Birds, Bronze, 410 x 335 x 10 cm, 1999-2000

 

Ein Symbol des Friedens und der Leichtigkeit

Die Skulptur Kissing Birds zeigt zwei im Flug befindliche, sich küssende Vögel. Als Friedenssymbol stehen sie in engem Bezug zum politischen Engagement des Künstlers.

 

Kadishman gehört zu jenen prominenten Personen Israels, die sich 1999 mit dem „Manifest der Gush Shalom Friedensbewegung“ für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat als Friedensgrundlage ausgesprochen haben. Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist die Bodeninstallation Shalechet – Gefallenes Laub im Jüdischen Museum in Berlin. 10.000 Gesichter aus Eisen liegen mit zum Schrei geöffneten Mündern auf dem Boden. Beim Durchschreiten des Raumes muss man – wie über gefallenes Herbstlaub – über die Gesichter hinweggehen. So sehr die Installation an die Tragik menschlicher Opfer wie beim Holocaust gemahnt, sie verspricht zugleich Hoffnung: Abgefallene Blätter gehören der Vergangenheit an, sie verwesen und lassen neues Leben entstehen. Kadishmans Kunst sucht zugleich die Versöhnung.

Die friedvolle pastorale Szenerie, wie sie auch in den zahlreichen Installationen, in denen er z. B. Schafsköpfe in Metall schneidet, ist auch das bestimmende Element der Kissing Birds. Eine heitere, lyrische Aura geht von ihnen aus, die das Leid der aufgerissenen Münder der Berliner Installation aufzuheben scheinen. Als erste Skulptur der Sammlung sind die Kissing Birds zur Vorlage des Logos für die Herbert-Gerisch-Stiftung geworden.

Bernd Kastner

 

*1957 in Düsseldorf, lebt in Düsseldorf
Menschliche Kälte, 100 x 50 x 65 cm, Terrakotta glasiert, 2009

*1957 in Düsseldorf, lebt in Düsseldorf, Menschliche Kälte, 100 x 50 x 65 cm, Terrakotta glasiert, 2009

 

 

Stolze Baumfrau

 

Bernd Kastner zählt in Deutschland zu den ersten Künstlern, die sich in den 1980er Jahren erneut dem Material der Keramik zuwenden. Zuvor kam es mehr in den angewandten als in den freien bildenden Künsten zum Einsatz. Den Künstler faszinierte vor allem Terrakotta, mit der er zu experimentieren begann. Er erprobte Lasuren und entwickelte neue Techniken der Verarbeitung.

 

Die Skulptur Menschliche Kälte zeigt eine stolze, anmutige und junge Frau auf dem Ast eines Baumes. In knieender Haltung, die Hände rücklings gefesselt oder gebunden, wirkt sie wie eine Angeklagte, über die ein unsichtbares Gericht sein Urteil fällt. Aber wer hat diese, ihrer Würde durchaus bewußte Frau auf die Knie gezwungen? Welch menschliche Kälte ist für ihre öffentliche Zurschaustellung an diesem Ort verantwortlich, der sie zugleich erniedrigt und erhöht? Ist sie eine Sklavin, die dem unwürdigen Menschenhandel ihre innere Ungebrochenheit entgegensetzt? Hat sie menschenunwürdige Gesetze gebrochen, um ihr eigenes Leben in Freiheit zu gestalten? Ist sie die Eva des Sündenfalls, die für ihre Verführungskünste bestraft nun im Baum der Erkenntnis thront und doch in ihm gefangen ist? Und warum trägt sie diese Kette, aus deren großen runden Perlen die Farbe wie Blut ihren Körper herunterfließt? Wer sie ist, können wir nur spekulieren. Aber warum sie so ist, wie sie sich zeigt, spielt auf einen unsichtbaren Vorfall an. Auf einen Vorfall menschlicher Kälte, egal ob im Garten Eden oder auf Erden geschehen.

Jan Koblasa

*1932 in Tabor/Tschechoslowakei, lebt in Hamburg

Vier Boten, Bronze, Höhe jeweils 258, 256, 234, 232 cm, Ø ca. 30 cm, 1990

 

Einsame Ankunft nach langer Wanderung

„Die Boten kommen aus der Wildnis und haben einen langen Weg zurückgelegt. Nun kommen sie an. Jeder Bote für sich, jeder in seine eigene Gedanken versunken, im eigenen Tempo“, beschrieb Jan Koblasa die vier Bronzestelen während der Standortsuche im Gerisch-Park: Jeder Bote trage eine eigene Botschaft, habe etwas Persönliches und Überraschendes. Individuell in Geste und Haltung seien sie aber zusammen auf ihre Wirkung als Gruppe ausgerichtet.

Jan Koblasa war 1968 nach dem Prager Frühling über Umwege nach Kiel gekommen und gründete an der Muthesius Kunsthochschule eine Bildhauerklasse. Sein künstlerisches Werk befindet sich stets im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Religion.

Die Vier Boten stammen aus der Privatsammlung von Bettina Horn. Als Geste persönlicher Freundschaft und Anerkennung hat sie die vier Stelen der Gerisch-Stiftung im Juli 2007 übergeben. In den späten 1980er Jahren arbeitete Jan Koblasa an einer Folge von abstrakt-figurativen Stelen aus gebeiztem Holz, denen er den Titel Boten gab. Um 1990 entstanden nach vier Holzmodellen zwei Bronzegüsse der Gruppe von Vier Boten. Eine ist seither Bestandteil der Stiftung Rolf Horn im Gottorfer Skulpturenpark. Zwei der Holzmodelle, die „Eltern“ der Boten, standen während der 1990er Jahre als Botschafterpaar im Besprechungszimmer des tschechischen  Präsidenten Václav Havel – als Zeichen der Veränderung und des Übergangs.

Brigitte Kowanz

*1957 in Wien, lebt in Wien

Eidyllion, 14,3 m, Spiegelglas, Neonröhre, 2010

 

Schwankende Idylle

Für Ihre Arbeit, die Brigitte Kowanz ortsspezifisch für den  Skulpturenpark der Gerisch-Stiftung entwickelt hat, setzt die Künstlerin das griechische Wort "Eidyllion"als Neonschrift in eine verspiegelte Glasbox, mit der die Mauer entlang des Transportwegs (Nebentor) von der Gerisch-Galerie in den Park verkleidet wurde. „Spiegel setze ich ein“, erläutert Brigitte Kowanz, „um Grenzen zu überbrücken und sie aufzulösen. Sie führen und vermehren das Licht. Als  Betrachter befindet man sich im realen Raum, und durch die Spiegel erhält man Zutritt in den virtuellen Raum der Installation.“ Symmetrien, Umkehrungen und  Vervielfältigungen von Formen sind die Basis von Brigitte Kowanz komplexer künstlerischer Arbeitsweise, in der sie immer wieder auf den "Werkstoff" Licht zurückgreift.


Betrachter ihrer Skulpturen geraten unversehens ins Schwanken und verlieren den festen Boden unter den Füßen. Am kritischen Punkt zwischen zwei Aggregatzuständen bricht die Symmetrie der Materie auseinander, sagen die Physiker. Diesen Effekt macht sich die Wiener Künstlerin zu Nutze. Eine semitransparente Spiegelfläche, mit der die Mauer vollständig verkleidet ist lässt den Betrachterblick zwar einerseits in das Innere der Glasbox auf den Neon-Schriftzug „Eidyllion“ zu, andererseits wirft er ihn zugleich in das Umfeld der Parklandschaft zurück. Wie eine kühne Erläuterung bezeichnet Kowanz in griechischem Alphabet gehaltener  Neonschrift die Umgebung des Gerisch-Parks und greift damit die programmatische Frage der Gerisch-Stiftung nach den kulturellen Bedingungen für die Wahrnehmung von Landschaft als Idylle auf. Doch „Eidyllion“ gibt diese vorgebliche Definition nicht nur preis, sie wirft den Blick nicht nur über den Spiegel zurück, die Installation fängt den Blick auch ein und gibt ihn dabei nicht mehr frei.

 

Die Glasbox ist zusätzlich auch von innen verspiegelt und so wird der Sehstrahl des Betrachters endlos zwischen den beiden Innenseiten des verspiegelten Raumes hin- und hergeworfen – mit dem Effekt, dass der Schriftzug „Eidyllion“ sich bis ins Unendliche dupliziert. Er entzieht sich letztlich als eine Imagination dem Zugriff, den sein Buchstabencode vorgibt. „Es entsteht ein Reflexionsraum unendlich vieler Bilder und  Augenblicksvervielfachungen.

Pit Kroke

*1940, lebt und arbeitet in Berlin und auf Sardinien

Tiko, 450 x 171 x 162 cm, Stahl gestrichen, 1989

 

Stahl im Raum

Im Rahmen der Ausstellung Verführung und Ordnung. Heike Weber und Pit Kroke 2009/10 erstmalig in Neumünster gezeigt, gehört die Skulptur Tiko von Pit Kroke nun zum Bestand des Gerisch-Skulpturenparks. Plastik ist bei Kroke Zeichnung aus Stahl im Raum. Und diese Raumzeichnungen sind völlig ungegenständlich. Er wählt Formen, die möglichst keine  gegenständlichen Bilder hervorrufen und doch immer Anklänge an bekannte architektonische Strukturen aufweisen.

Die frisch restaurierte stählerne Skulptur Tiko, die bis zu ihrer jetzigen Positionierung in Neumünster vor dem New Yorker Queens Museum of Art stand, mag zunächst an einen Torbogen erinnern. Angeregt von dem historischen Formenvokabular seiner zweiten Heimat Sardinien überführt der Künstler Jahrtausende alte Bau- und Handwerkstraditionen in eine grafische Gebärdensprache, die zugleich archaisch und überzeitlich erscheint. Tore, Bogen, Winkel etc. jedoch werden zu Trägern von Gesten und Gebärden, ihre strenge Geometrie wird verlebendigt, humanisiert, schwillt an und ab.

Dem Künstler ist es wichtig, jegliche vorschnelle Anpassung seiner skulpturalen Sprache an unseren funktionalen Alltag zu vermeiden. „Skulptur ist Wirklichkeit, kein Emblem, keine Metapher. Sie ist die Form eines architektonischen Charakters des Denkens und Empfindens“, sagt Kroke. Letztlich basieren seine quasi-architektonischen Strukturen auf dem poetischen Spiel ihrer Überformung oder Verwandlung, auf inneren Impulsen. Gerade Linien werden gebrochen, Rundungen in Winkel überführt, Mathematik, Statik und Funktion in Frage gestellt. Entsprechend widersinnig hat er den großen von einem nach vorne auskragenden Haken bewachten Bogen platziert. Das rechte Standbein mitten in den Weg gesetzt, ja damit den Weg versperrend, überführt er die Torhaftigkeit seiner Skulptur in die Reinheit eines skripturalen Zeichens im Raum, in das freie Spiel der Poesie.

Markus Lüpertz

*1941 in Reichenberg, heute Liberec/Tschechische Republik, lebt in Düsseldorf, Berlin und Karlsruhe

Kopf der Venus, Bronze bemalt, 85 x 60 x 60 cm, 2002 

Verkörperung des Kopfes

Selbstbewusst, energiegeladen und dennoch anmutig blickt die geschminkte Venus den Besucher an. Wenngleich ihr Profil vom eruptiven Gestus des Bildhauers bestimmt ist, scheint sie sich ihrer antiken Vorbilder sehr wohl bewusst zu sein. Aus dem nobilitierenden Material Bronze gegossen, ist sie auf Überzeitlichkeit angelegt. Die Bronzebüste Kopf der Venus aus der Serie der Drei Grazien verkörpert Lüpertz Vision weiblicher Schönheit. Doch ihr Körper bleibt uns vorenthalten.

Der Kopf wird zum Bedeutung tragenden Körperteil. Die drei Grazien Hera, Athene und Venus als Figuren der antiken Mythologie wurden von Künstlern immer wieder neu gedeutet. Für Markus Lüpertz wurden sie zu Göttinnen, die ihn durch seine unterschiedlichen Schaffensphasen begleiteten. Der antike Held Paris war zunächst entsetzt über sein Los, sich zwischen den drei Grazien entscheiden zu müssen. Er schwankte zwischen Hera, die ihm die Königsherrschaft versprach, und Athena, die ihm kriegerische Lorbeeren in Aussicht stellte, um sich schließlich für Venus zu entscheiden, die ihm die ersehnte Heirat mit Helene ermöglicht haben soll.

Lüpertz überführt den Körper der Liebesgöttin in die Abstraktion. Er übergibt ihn der Einbildungskraft des Betrachters. In dem ihm eigenen Gestus skulpturaler Ausformung prägte Lüpertz allein dem Kopf der Venus seine künstlerische Handschrift ein. Er schuf damit, auch unabhängig vom ikonografischen Bezug, ein Standbild stolzer Anmut und gebündelter Energie.

Peter Nagel

*1941 in Kiel, lebt in Kleinflintbek,


Rostiger Nagel, Gesamtlänge ca. 6 Meter,  Holz, Farbe, 2015



Von Peter Nagel ist es die erste Skulptur, die in der Gerisch-Stiftung seit Sommer 2015 aufgestellt ist. Der Künstler, Maler und Mitbegründer der Künstlergruppe ZEBRA, hat sich mit dieser, für ihn außergewöhnlichen Arbeit offensichtlich ein dreidimensionales Selbstbildnis gesetzt. Nicht nur, weil ihr Titel eine mehr offene als versteckte Anspielung auf seinen eigenen Namen ist. Hier charakterisieren ebenso die Form des Nagels, sein widerständig spitzer Stift, sein Ein- und Wiederauftauchen aus der Erde sowie sein in die Höhe, auf einem verdrehten Hals ragender Kopf einen Künstler, der sich scheinbar gut mit den Ecken und Kanten des Lebens auskennt. Ein gute Portion List und gehörige Anspielungsreichtum sind auch noch mit dabei. In unmittelbarer Nähe zu Horst Antes' Skulptur „Figur 1000" aufgestellt, meint man aufgrund der rostigen Oberfläche beider Werke eine Art Geistesverwandtschaft zu erkennen. Der Schein aber trügt. Der Rostige Nagel gibt sich nur den Anschein von Alterspatina und altem Eisen. Was wie Rost aussieht ist in Wirklichkeit täuschend echte Farbe, hinter der sich eine massive Holzskulptur verbirgt. So bedient der rostige Nagel zudem die Kunst der Camouflage.

Olaf Nicolai

*1962 in Halle/Saale, lebt in Berlin

Annie, 48 Zaunelemente, 3 verschiedene Muster, jede Glasscheibe 180 x 270 cm, Gesamtlänge ca. 150 m, 2007

 

Hinter der Wohnzimmergardine

Für die 150 m lange Grundstücksgrenze des Skulpturenparks hat Olaf Nicolai eine skulpturale Parkeingrenzung entwickelt. Sie trägt den Titel Annie. Mit hinter Glas gelegten Siebdrucken verleiht er dem Zaun das Aussehen einer Wohnzimmergardine. Nun wird der Blick in den Park, aber auch aus dem Park heraus, von ihrem ornamentalen Muster gefiltert.

Der Bezug auf den Psychothriller Misery (1990) nach der Romanvorlage von Stephen King verleiht der neuen Grenzmarkierung eine brisante Hintergründigkeit: Nach einem Autounfall wird der Schriftsteller Paul Sheldon von einem seiner größten Fans, der  Krankenschwester Annie Wilkens, gerettet und gepflegt. Als sie herausfindet, dass die Romanfigur Misery im nächsten Band sterben soll, muss Paul Sheldon den Roman umschreiben. Zu dem unheilvollen Interieur, in dem der Schriftsteller schließlich um sein Überleben kämpfen muss, haben florale Ornamente – in Form von  Häkeldeckchen, Wandtapeten oder Gardinen – eine abgründige Bedeutung.

Der anspielungsreiche transparente Zaun verleiht der programmatischen Leitlinie des Skulpturenparks „Wo liegt Arkadien?“ auch ohne Kenntnis des Films eine besondere Note. Wie ein Film legt sich das Gardinenmuster vor die Wahrnehmung des Gerisch-Skulpturenparks – eine Verschränkung von Natur und deren medial vermittelten Abbildern.

Katsuhito Nishikawa

*1949 in Tokyo, lebt in Hamburg

Floating Clover–Das schwimmende Kleeblatt, Stahl, 150 x 150 x 4,3 cm, 2005

 

Widerspiegelungen

Katsuhito Nishikawas Interesse gilt der Natur und ihren  Gesetzmäßigkeiten. Die Natur setzt für ihn die Maßstäbe. Mensch und Kunst haben sich ihr unterzuordnen. In einer Synthese aus westeuropäischem und asiatischem Denken gelingt es dem japanischen Künstler, Kunst und Naturlandschaft zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. „Ich bin nach Deutschland gekommen, weil mich das Bauhaus so fasziniert hat“, beschreibt Nishikawa, warum er Deutschland zu seiner kulturellen Wahlheimat erklärt hat.

In seinen Kunstobjekten sucht Katsuhito Nishikawa nach visuellen Zeichen, die die elementaren Naturkräfte in ihrer Komplexität widerspiegeln. Das Schwimmende Kleeblatt auf dem Teich des Gerisch-Skulpturenparks nimmt die Metapher der Widerspiegelung wörtlich.  Auf dem Grund in einem Radius von zwei Metern vertäut und mit Styropor unterfüttert, treibt das Kleeblatt in symmetrischer Vollkommenheit auf der Wasseroberfläche. Die glänzende Edelstahloberfläche ist immer leicht mit Wasser bedeckt, spiegelt die  Umgebung des Teiches, Himmel, Licht und Schatten in immerwährender Veränderung; je nach Wetterlage kann sich aber auch ein Teppich aus Blättern und Blütenstaub über den Spiegel schieben.

 

Nishikawa hat eine Zeit lang mit Abraham David Christian zusammengearbeitet. Ihr gemeinsames Interesse galt der Spirale als Symbol für Leben und natürliches Wachstum.

Morio Nishimura

*1960 in Tokyo, lebt in Meerbusch

Süßer Regen–Manna, 3 Bronzeschalen, Ø 197 x 25 cm, Ø 175 x 13 cm,  Ø 130 x 34 cm, 2007


Wundersame Nahrung

Lotusblätter sind das Hauptmotiv des japanischen Künstlers Morio Nishimura.
„Warum ich Lotus forme? – Weil ich so bin. Ich suche, wie der Mensch mit der Natur verwoben ist, wie wir die Beziehung zwischen Mensch und Natur befreien können und wie der Mensch sich selbst darin versteht“, beschreibt Morio Nishimura sein  künstlerisches Selbstverständnis: „Das Lotusblatt verleiht mir eine Vorstellung vom Universum, von metaphysischer Existenz und von Seelenwanderung.“

 

Der Titel Süßer Regen ist eine Übersetzung des japanischen Kanro-Regens. Dieser Niederschlag ist ein besonderes Naturereignis, eine Art Nebel, der sich mit dem Wasser verbindet. Die filigranen Lotusblätter strecken sich dem Himmel entgegen, um den Tau aus der Luft aufzunehmen und auf ihrer Oberfläche zu einem großen Tropfen zusammenfließen zu lassen. Im Lotus wird daher gleichermaßen die Energie der Erde wie die des Himmels aufgenommen. Manna bezieht sich auf das alttestamentarische Himmelsbrot, allgemeiner verstanden auf eine Nahrung, die man auf wundersame Weise erhält. Der Titel verweist aber auch auf die Getränke, die die himmlischen Götter bei der Geburt Buddhas mit Blüten niederregnen ließen. Buddha soll später vor einem Teich mit blühenden Lotusblumen meditiert und bei ihrem Anblick seine Mission beschlossen haben.


Nishimura hat die drei geöffneten bronzenen Lotusblätter, die auf der Wasseroberfläche des Teichs sanft aufliegen, eigens für den Teich des Gerisch-Parks entworfen.

Mimmo Paladino

*1948 in Paduli/ Italien, lebt in Paduli

Guerriero della Pace–Krieger des Friedens, Bronze, 264 x 100 x 80 cm, 2003

 

Zwischen den Welten

Mimmo Paladino gehört neben Enzo Cucchi und Francesco Clemente zu den Hauptvertretern der Transavantguardia, einer Kunstrichtung der frühen 1980er Jahre, die sich in Italien als Gegenbewegung zur Minimal Art verstand. Die Künstler der Transavantguardia vertraten eine Entwicklung, die sich mit umfassenden Systemen der Natur, der sozialen Ordnung und der Magie beschäftigten. In subjektiver Freizügigkeit wurden Zitate aus verschiedenen Kulturkreisen mit einer subjektiven Bildsprache verbunden, in die auch erlebte Geschichte einfließen konnte.

Die Figur des Guerriero della Pace strahlt Ruhe und Entschlossenheit aus. Es ist die Figur des Kuros, des nackten Jünglings aus der Antike, den Paladino hier zitiert. Die Kuroi mit geschlossenen Lidern und streng geometrischer Ausformung wurden im 7. Jh. zum Inbegriff menschlicher Vollkommenheit. Paladino fügt der stilisierten Figur eine zerbrochene Schale hinzu und ergänzt das schildartige Architekturfragment durch munter pickende Vögel. Dadurch erhält die Figuration eine Verletzlichkeit und innere Bewegung, die über das antike Vorbild hinausgeht.

Worin besteht das Besondere dieses Friedenskriegers, der wie ein Wächter vor der Villa des Stifterpaares steht? Paladino spielt die Antagonismen von Krieg und Frieden gegeneinander aus: Anspannung und Gelassenheit, heimatliche Idylle und  kriegerische Pose halten einander in Bewegung. Allein die Unbeschwertheit der Vögel auf der Außenseite des Schildes scheinen Frieden und Freiheit zu garantieren.

Anne und Patrick Poirier

*1942 in Marseille/Nantes, leben in Paris und Trevi

Occhio Piangente–Das weinende Auge, Bronze 199 x 36 x 33 cm, 1994

 

Die Zerbrechlichkeit von Kulturen

Das künstlerische Lebenswerk von Anne und Patrick Poirier ist der Spurensicherung und Rekonstruktion von Geschichte gewidmet: „Unser Interesse gilt den verpassten Chancen der Vergangenheit und den  Unwägbarkeiten der Zukunft.“ Was zunächst wie nostalgische Sehnsucht nach  vergangenen Kulturen und Zivilisationen aussieht, spiegelt  archäologische  Verwurzelung und gesellschaftsutopische Vision wider, die das Künstlerpaar seit den späten 1960er Jahren verbindet.

Der Titel Occhio Piangente – Weinendes Auge bezieht sich thematisch auf den hinduistischen Pilgerort Ketas in Pakistan aus dem 9. /10. Jahrhundert. Nach einer Legende beweinte dort der Gott Shiva den Tod seiner Frau Sati. Mit seinen Tränen füllte er einen Teich, der daraufhin als Trinkquelle für die Bevölkerung wie als Ort spiritueller Erfahrung diente. Seit der Abspaltung Pakistans (1947) verfällt diese berühmte historische Pilgerstätte. Die Befestigungsanlagen sind nur noch als Ruinen erhalten. Vor diesem Hintergrund ist das Weinende Auge als Bild der menschlichen Erinnerung zu verstehen.

Die Skulptur Occhio Piangente im Gerisch-Park stellt ein in Lidfalten gebettetes Auge dar, aus dem sich ein langer, zu Boden fließender Tränenstrahl ergießt, der sich zu einem Stengel verdichtet, im Erdreich wurzelt und der Skulptur das Aussehen einer Pflanze gibt. In seiner Fragilität wird er zu einem Symbol für die Zerbrechlichkeit von Kulturen und zur Mahnung, kulturelle Werte vor ihrer globalen Verwischung zu  bewahren.

Stefan Sous
  • Stefan Sous: Autokino, 2007 (nicht mehr installiert)
  • Stefan Sous: Autokino, 2007 (nicht mehr installiert)
  • Stefan Sous: Autokino, 2007 (nicht mehr installiert)

*1964 in Würselen/Aachen, lebt in Düsseldorf

Nordlicht und Aurora, Parkbänke mit integriertem Neonlicht als Stitz- und Lehnfläche

 

Fiat Lux | Lichtbänke

Besonders in den Abendstunden erfreut die Besucher diese ausdrücklich zur Nutzung einladende Skulptur. Hier heißt es Platz nehmen auf einer leuchtenden Parkbank. Nicht ungewöhnlich zwar für eines an Sonnenbänke gewöhntes Publikum.  Doch hier ist das Licht anderer Natur. Es leuchtet im hellen Weiß gewöhnlicher Nachtlampen, die mehr für den öffentlichen, weniger für den privaten Raum vorgesehen sind. So erfolgte auch die erste Aufstellung von Stefan Sous' Lichtbänken 2002 im Düsseldorfer Hofgarten. Anläßlich der „Dezentralen Landesgartenschau“ und im Rahmen der Einrichtung des Kunstweges „hell-gruen" wurden entlang der Reitallee insgesamt 14 Lichtbänke dauerhaft aufgestellt. Erleuchtung gibt's hier im wahrsten Sinne des Wortes von unten statt wie üblich von oben, eine „Aura light" sozusagen für die gewöhnlichen Dinge und Objekte und ihre Benutzer.


Von Stefan Sous, Schüler von Tony Cragg und durch zahlreiche Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt,  hatte die Stiftung zudem zeitweilig sein „Autokino" installiert (heute nicht mehr in Betrieb). Mittels einer Videoprojeketion konnte das Publikum im nahegelegenen Schwaletunnel den über ihm ablaufenden Verkehr in Echtzeit verfolgen.

Thomas Stimm

*1948, Österreich, lebt in Burgau bei Wien

Löwenzahn, Aluguss lackiert, H 180, Ø 100 cm, 2008

 


Schrille Natur

Thomas Stimm zählt mit Stephan Balkenhol und Thomas Schütte zu den international wichtigsten Bildhauern, die sich mit einer unbefangenen, alltäglichen Figurenwelt gegen die in den 1970er und 80er Jahren vorherrschende Formensprache des  Minimalismus haben behauptet. In den 90er Jahren begann Stimm seinen  künstlerischen Einfluss auf die unmittelbare Lebenswelt auszuweiten. Er entwarf visionäre Architekturen für öffentliche Gebäude (Wien 1988), brachte mit Anzügen in leuchtenden Farben die Kunst auf den Laufsteg (Berlin 1998) und versuchte mit
großflächigen Teppichmustern im Grazer Kongressgebäude (1999) die "Farbe in die Welt zurückzubringen". Die Kunst sollte einen Lebensraum gestalten, "wo Seele Empfindungen entwickeln kann".

 

Die Blume ist in Thomas Stimms Werk zum „Markenzeichen“ geworden. Sie steht für Wachstumskraft und ist ein augenzwinkernder, fast wortwörtlicher Rückgriff auf das „Flower-Power-Lebensgefühl“ der „Blumenkinder“ der späten 1960er Jahre. Die Arbeiten dieses Künstlers zeichnen sich durch eine verdichtete Darstellungsweise aus, die scheinbar mit der Einfachheit einer Marke operiert. Stimm findet seine Vorbilder im Comic und jenen Kunstformen, die – wie die Pop Art (George Segal, Ed Kienholz und Claes Oldenburg) – das Alltägliche dem Bedeutsamen vorziehen. Diese scheinbar eingängige, am Emblem orientierte Formensprache, verbleibt jedoch nicht an der Oberfläche, sondern erweist sich als offen und widerstandfähig. Allein schon die strahlend opulente Farbigkeit seiner Skulpturen zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters immer wieder auf sich – auch dies ist ein Ausweis auf die augenzwinkernde Hintergründigkeit, die das Werk von Thomas Stimm insgesamt  auszeichnet.

Manolo Valdés

*1942 in Valentia/Spanien, lebt in Madrid u. New York

Infantin Margarita, Bronze, 120 x 110 x 70 cm, 2004

 

Die dritte Dimension 

„Jedes Mal, wenn ich ins Museum gehe und die Arbeit eines anderen Künstlers  betrachte, will ich mich ihrer bemächtigen, sie stehlen, sie kommentieren, sie mir zu Eigen machen“, erklärt Manolo Valdés sein Aufgreifen künstlerischer Themen und Formen der Kunstgeschichte.

 

Die Skulptur Infantin Margarita ist eine Hommage an das berühmte Gemälde Las Meninias (1656) von Diego Velàzquez, welches den Besuch des spanischen Königspaares im Atelier des Künstlers zeigt. Der malerische Auftritt gehört der fünfjährigen Prinzessin Margarita und ihren Hofdamen. Manolo Valdés interessiert sich bei der Gestaltung seiner Infantin Margarita für die Konfrontation des Individuums mit gesellschaftlich normierter Körperlichkeit. Raumgreifend, mit weit ausgestelltem, wie aufgeblasenen Ballonkleid tritt die Infantin Margarita dem Betrachter aus einer Nische am Rande des Gartens entgegen.

Man sollte sich die Person, die in diese geometrisierte Barockkleidung eingezwängt wurde, als zierliche Person vorstellen; als solche repräsentiert sie die Verletzlichkeit  zur Schau gestellter Naturbeherrschung.

Nicht weit von den geöffneten Lotusblüten Süßer Regen–Manna des Japaners Morio Nishimura, die sanft auf der Wasseroberfläche des nahen Teichs schweben, wird die Infantin Margarita zur skulpturalen Gegenthese des englischen Landschaftsparks, seinen gewachsenen Strukturen und arkadischen Anmutungen.

Nikolai Winter

*1987 in Basel, lebt und arbeitet in Basel
Rolex (L), 150 x 130 x 50 cm, Aluminium, Farbe, Beton, 2012

 

Eingeschweißte Uhren

 

Im Rahmen der Ausstellung „Alles Schön und Gut!?“ wurden von Nikolai Winter mehrere Skulpturen im Innen- und Außenraum der Stiftung gezeigt. Sie alle suggerierten mit ihrer Form einen in einer quadratischen Tüte eingeschweißten Inhalt. Hierbei handelte es sich, so das Formversprechen um Objekte des Luxus, den Nobel-Champagner Dom Perignon oder einer Uhr der Marke Rolex. Aufgrund ihrer Verpackung in silber- oder bronzefarbenen Vakuumtüten aber blieben sie unsichtbar. So war es dem Publikum überlassen, sich die Objekte der Begierde vorzustellen. Läuft das eigene und allgemeine Begehren nach Luxus etwa einem Form-Klischee hinterher? Ist dieser wirklich so kostbar, dass selbst banale Alltagsverpackungen ihn attraktiv verhüllen? Fragen, die auch die Skulptur Rolex (L) stellt. Ihr künftiger Verbleib in der Herbert Gerisch-Stiftung konnte nach Ende der Ausstellung im April 2015 für weitere 18 Monate sicher gestellt werden.